Am Montag (20.4.) ist der slowakische Wissenschaftler und Minderheitenpolitiker Dr. Ondrej Pöss im Alter von 75 Jahren gestorben. Die Beisetzung fand am Donnerstag (23.4.) im engsten Familienkreis in Bratislava statt. Als eine Persönlichkeit, die sich um den Wiederaufstieg der deutschen Minderheit in der Slowakei nach der sanften Revolution außerordentlich verdient gemacht hat, bezeichnete ihn der Regierungsbeauftragte für nationale Minderheiten Ákos Horony in den sozialen Medien. Ondrej Pöss war der langjährige Vertreter der deutschen Minderheit im Regierungskomitee für nationale Minderheiten und ethnische Gruppen sowie bis März 2026 Vorsitzender des Karpatendeutschen Vereins (Karpatskonemecký spolok), zu dessen Ehrenvorsitzendem er zuletzt ernannt wurde.
Ondrej Pöss wurde am 7. November 1950 in Handlová (Krickerhau) geboren. Er studierte an der Comenius-Universität in Bratislava, machte 1973 das Staatsexamen in Mathematik und Physik, promovierte zum RNDr und CSc. Nach dem Studium arbeitete er vier Jahre als Assistent am Lehrstuhl für allgemeine Physik an der Comenius-Universität und war von 1978 bis 1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Abteilungsleiter am Historischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften (SAV). Im Karpatenblatt, der Zeitschrift der Deutschen in der Slowakei, heißt es in einem Nachruf, dass sein Lebenswerk vor allem im kulturellen Bereich seine Erfüllung fand. Als eine treibende Kraft wurde er 1994 damit beauftragt, das Museum der Kultur der Karpatendeutschen aufzubauen. Drei Jahre später wurde das Museum dann offiziell als Teil des Slowakischen Nationalmuseums (SNM) eröffnet und Ondrej Pöss zum Direktor ernannt. Er leitete es bis 2021. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Museum zu einer international anerkannten Einrichtung mit tausenden Exponaten und Ausstellungen im In- und Ausland.
Ondrej Pöss erhielt mehrere namhafte Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland sowie das Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Auch das Slowakische Nationalmuseum würdigte sein Andenken. Am SNM-Hauptgebäude wurde als Zeichen der Trauer eine schwarze Flagge gehisst.
Auch für die deutschsprachige Sektion von Radio Slowakei International hatte Dr. Ondrej Pöss immer ein offenes Ohr, informierte die Redaktion über Neuigkeiten aus dem karpatendeutschen Vereinsleben, gab Interviews und half bei der Ideenfindung für Projekte – stets mit Ruhe, Bescheidenheit, leisem Humor und ebenso zurückhaltender Durchsetzungskraft. Das gesellschaftliche Miteinander und die Einbeziehung der Jugend in die karpatendeutsche Erbepflege waren ihm dabei immer besondere Anliegen. In einem Interview sagte er im Jahr 2018 gegenüber RSI:
Ondrej Poess - Minderheiten Máte problém s prehrávaním? Nahláste nám chybu v prehrávači.
"Ich sage immer, dass ein Minderheitsangehöriger ein bisschen mehr vom Leben hat – er hat doppelte Identität, kann man sagen. Für mich ist die deutsche Kultur sehr nah, für mich ist auch die slowakische Kultur sehr nah. Also wenn ich beides anschaue, das spüre ich so – dass der Mensch kann mehr bereichert sein, also ein bisschen mehr vom Leben haben...."